Martin Klöker „Baltischer Adel und städtische Eliten: ständische Grenzen im Wandel. Caspar Meyer († 1654) und Johann Gottfried Herder (1744-1803)“

Klöker, Martin (2025). Baltischer Adel und städtische Eliten: ständische Grenzen im Wandel. Caspar Meyer († 1654) und Johann Gottfried Herder (1744-1803). Bömelburg, Hans-Jürgen; Westphal, Siegrid; e.a.. Adelskulturen im Baltikum. Identitäten – Konzepte – Praktiken. (73−87). Marburg: Herder-Institut. (Tagungen zur Ostmitteleuropaforschung; 44).
Zusammenfassung des Artikels
Bei der Diskussion um das Verhältnis des baltischen Adels zum sog. ‚Literatenstand’ wurde der ‚Adel’ häufig pauschal mit der Ritterschaft gleichgesetzt. In dieser Folge wird eine Adelskultur auf die gutsherrschaftlichen Verhältnisse reduziert. Es gab jedoch einen großen Bereich des Übergangs vom Bürgertum in den ritterschaftlichen Adel, in dem nobilitierte Bürger und speziell die Gelehrten eine wichtige Rolle spielten. Der Fokus auf diesen Zwischen- oder Übergangsraum wird durch zwei konkrete sehr unterschiedliche Beispiele gewählt:
Caspar Meyer stand in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts als Sekretär der Estländischen Ritterschaft und des Oberlandgerichts in direkter Verbindung zum ritterschaftlichen Adel, war gewissermaßen Bestandteil der Adelskultur und vertrat diesen durch sein Amt, obwohl er selbst doch Gelehrter bürgerlicher Herkunft und in der Revaler Unterstadt sozial verortet war. Später erfolgte seine Nobilitierung. Aus dieser antagonistischen Situation zwischen Adel und Bürgertum, zwischen Land und Stadt, ergaben sich denn auch mancherlei Probleme.
Johann Gottfried Herder war als Lehrer und Prediger in Riga in den Jahren 1764 bis 1769 in einer gänzlich anderen Position. Allerdings wurde in der Forschung bisher immer betont, dass er hier sowohl in den Kreisen des Adels wie auch des Bürgertums heimisch wurde und gesellig verkehrte, obwohl er doch als Angestellter der Stadt eindeutig bürgerlich zu verorten ist. Dass er jedoch einerseits gerade in den ‚bürgerlichen’ Kreisen des Rates bereits mit vielen Adeligen Gesellschaft pflegte und andererseits von der Ritterschaft größte Anerkennung erhielt, dürfte auf die umfassende gelehrt-literarische und lehrende Tätigkeit des Aufklärers zurückzuführen sein. In den baltischen Kreisen der Aufklärer traten die ständischen Gegensätze in den Hintergrund.